Geliebt. Gehasst. Vergöttert. Beschmutzt. Nicht zuletzt seine Frauen prägen das Bild Thailands in der Welt. Die Pole von sprichwörtlichem Anmut und grellem Rotlicht versperren dabei oft den Blick auf die Normalität des Lebens der weit überwiegenden Mehrheit von Frauen im „Land des Lächelns“. Eine Hommage an Thailands starkes Geschlecht.

Das Bild der Thailänderinnen in Europa ist seit Jahrhunderten stetigem Wandel unterworfen. Meyers Konversationslexikon stellte im Jahr 1851 fest,  dass die „kleine Nase mit auseinandergekehrten Nüstern, der große Mund, die dicken Lippen, die kleinen schwarzen, in gelbliches Weiß abstechenden Augen, die etwas schief gestellten, sehr breiten und hohen Backenkochen, die das Gesicht eckig machen zusammen mit düsterner, trüber Miene, trägem und widerlichem Gang“ den Thailänderinnen „allen Anspruch auf Schönheit nach europäischem Maßstab nehmen“ (zitiert nach Andreas Stoffers, „Thailand und Deutschland: Wirtschaft, Politik, Kultur“, Springer Gabler 2014, S. 41).

Rund hundert Jahre später – also in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts – waren die Deutschen dagegen nach dem Besuch des damals jungen, heute ehemaligen thailändischen Königspaares in Europa verzaubert von der Anmut, Zuvorkommenheit und Schönheit von Königsgattin Sirikit. Ihre Erscheinung prägte nun das Bild der Deutschen und anderer Europäer von der thailändischen Frau.

Heutzutage sind es allzu oft die in den sozialen Medien mit wenigen Klicks zu findenden einschlägigen Aufnahmen von Thailänderinnen aus den auf internationales Publikum orientierten Rotlichtvierteln des Landes, die allzu schnell mit den Frauen des Königreichs assoziiert werden: Lasziv statt anmutig, spärlich bekleidet und vorzugsweise mit High-Heels an den Füssen.

Sirikit und die Rotlichtfrauen haben sicherlich die größte Reichweite erzielt in Sachen „Bild der Thailänderinnen“. Aber weder die Upperclass-Women noch die Redlight-Girls prägen tatsächlich das Bild der thailändischen Frauen, wenn man durch den Alltag des sogenannten „Land des Lächelns“ flaniert.  Es sind vielmehr die „ganz normalen“ Frauen des Alltages, denen man in der Regel begegnet, von manch einem als das wahre Rückgrat der thailändischen Gesellschaft und der dörflichen Gemeinschaften, der thailändischen Ökonomie, der thailändischen Volksfrömmigkeit und der thailändischen Familienbande bezeichnet. Möglicherweise nicht zu Unrecht.

Und diese Frauen tragen weder die teure Mode der jungen Sirikit noch Rotlicht-Fummel: Also keine High-Heels und Glitzerkram, sondern Gummilatschen, Mickey-Mouse-Shirts und FC-Liverpool-Shorts, soweit sie nicht in der Einheitskleidung ihrer Company oder berufsbedingt in Business-Kleidern unterwegs sind. Und wer einmal einen inneren Einblick in den Haushalt einer thailändischen Großfamilie erhalten hat, wird schnell feststellen, dass weder die Latschen noch die Kleidung unbedingt festen Personen zugeordnet ist. Man nimmt die Kleider, die gerade trocken sind und die Latschen, über die man am Morgen als erstes stolpert, wenn man eilig auf den Weg zur Arbeit das traditionell nur barfuß zu betretende Familienheim verlassen muss.

Weibliche Berufstätigkeit in Form von Selbstständigkeit, (Mit-)Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb ist in Thailand übrigens genauso selbstverständlich wie die Arbeit von Frauen in Büros, Fabriken – ja, sogar schwere körperliche Arbeit im Straßen- und Häuserbau. Kaum ein Bautrupp kommt ohne weibliche Mitarbeiter aus, auch wenn die in diesem Gewerbe inzwischen oft aus den ärmeren Nachbarländern stammen. Arbeiten ist selbstverständlich für Frauen, eine Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wie sie noch vor einem Vierteljahrhundert in westlichen Gesellschaften Standard war – Vater geht arbeiten, Mutter kümmert sich um Kinder und Haushalt – ist in Thailand weitgehend unbekannt. Das hat ganz sicher historische Gründe, denn als Agrarvolk waren es die Thais unabhängig vom Geschlecht natürlich immer schon gewohnt, dass alle mit anpacken – ob im Reisfeld oder im Stall. Es hat aber auch ökonomische Gründe, dass Frauen wie Männer heutzutage Jobs nachgehen. Denn in Thailand kann kaum eine Familie der Mittelschicht überleben, wenn nicht alle Erwachsenen einen Beitrag zum Gesamteinkommen leisten. Und die Kinder? Werden oft von den Großeltern erzogen und besuchen natürlich Ganztagsvorschule und Ganztagsschule. Das ist der Alltag in den allermeisten Familien.

Nicht wenige Frauen sind aber auch deshalb aufs Arbeiten angewiesen, weil sie sich alleine durchs Leben schlagen müssen. Zwar ist es in Thailand möglich, die Ehe zwischen Mann und Frau auch gesetzlich eintragen zu lassen und sogar theoretisch denkbar, daraus Unterhaltszahlungen abzuleiten. Aber die meisten Ehen werden lediglich vor dem Auditorium von Mönchen, Schamanen und Dorfbewohnern geschlossen (siehe https://scontour.com/2019/01/26/isaan-verschlafene-hochzeit/). Dies ist zwar verbunden mit einer aufwendigen und durchaus moralisch verpflichtenden Zeremonie, bringt aber den Partnern keinerlei einklagbare Rechte und Pflichten. So fallen – rein rechtlich betrachtet – Trennungen leicht und es gibt deren entsprechend viele.

Oft sind die Frauen dabei die Verliererinnen – emotional, sozial, rechtlich und ökonomisch. Das ist ein Grund, warum in Thailand noch immer der Brauch des Sinsod – des Brautgeldes – nicht aus der Mode kommt, quasi als eine vorgelagerte Trennungsversicherung zu Gunsten der Frau bzw. ihrer Familie. Und die fehlende rechtliche Absicherung ist der Grund, warum man in Thailand den Frauen sprichwörtlich eher keine Blumen, dafür aber Gold schenkt. Das sieht zwar auch als Schmuck schön aus – ist aber in allererster Linie eine Geldanlage und Absicherung für den Fall der Fälle, wenn die Liebe verwelkt ist und die Blumen längst verwelkt wären.

Und: nicht wenige Frauen in den Rotlichtvierteln – und zwar in denen für Ausländer als auch in denen für Thais – sind sitzengelassene Ehefrauen mit Kindern, für deren Zukunft diese Frauen nun offenbar fast alles tun – auch sich zu prostituieren.

Natürlich gibt es auch Männer, die sitzengelassen werden, oft weil sie nicht genug Geld verdienen oder zu alt zum Geldverdienen geworden sind. Auch solche Fälle kenne ich – es sind nicht wenige. Dennoch unterscheidet sich Thailand nicht darin, dass die ökonomischen und persönlichen Risiken einer gescheiterten Beziehung – vor allem einer, bei der es auch Kinder gibt – mehrheitlich bei den Frauen liegen.

Mir sind – trotz oder gerade wegen dieser Risikoverteilung – viele wirklich starke Frauenschicksale in Thailand begegnet: in den Dörfern und auf den Märkten, in den Büros und den Läden, in Bars und im Bekanntenkreis. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Stärke, welcher Kraft, welchem Mut diese Frauen persönliche Herausforderungen, Schicksalsschläge, Enttäuschungen, Erniedrigungen annehmen und meistern – ohne das Netz und den doppelten Boden eines Sozialsystems im Rücken, das es in Thailand in der uns im Westen bekannten Form nicht einmal ansatzweise gibt. Betrug, Arbeitslosigkeit, geplatzte Deals, Geschäftsaufgaben, Mieterhöhungen oder bösartige Familienmitglieder: alles wird irgendwie weggesteckt und es wird weitergemacht. Für die Kinder. Für die Alten. Für sich selbst.

Und trotzdem – wenn es sich ergibt, wird gerne ein Moment der Freude mit den Kindern, mit Freunden, mit leckerem Essen oder einem Gläschen Mekong Whisky genossen. Die Fähigkeit zum Genießen des Augenblickes, von „Sanook“ und “Sabai“ trotz aller Sorgen, haben die wenigstens thailändischen Frauen verloren. Auch das ist für mich immer weder bewundernswert. So ergeht es nach meiner Wahrnehmung jedenfalls der deutlichen Mehrheit der getrennten Frauen und ich wünsche ihnen allen, dass ihre Kinder diese Energieleistung nie vergessen und es ihren alt und schwach gewordenen Müttern später danken werden.

Aber die Straßen Bangkoks, Pattayas und anderen größerer Städte verraten bei genauem Hinsehen auch, dass nicht alle die Kraft haben, ihre Lebensklippen zu nehmen – vor allem nicht in zunehmendem Alter. Man sieht diejenigen, die es nicht geschafft haben – unter Bangkoks Straßenbrücken oder an den Kanälen, neben dem Bahnhof Hua Lamphong und manchmal sogar an der Beach Road in Pattaya oder der Bangla in Phuket. Es sind schockierende Bilder von Armut und Verzweiflung, die eben auch zu Thailand gehören. Sie machen mich demütig, denn – auch wenn der thailändische Volksglaube eine andere Erwartung an das Ende des Lebens hat – ich gehe doch eher davon aus, dass jeder Mensch nur ein Leben hat. Und daher macht es mich unendlich traurig, wenn dieses eine Leben eben jenes Menschen unter der Brücke so fatal verläuft – egal ob Mann oder Frau.

Das ist natürlich nicht Thailand-spezifisch und es gibt ganz sicher Länder, in denen es viel schlimmere Armutsszenen gibt. Aber gerade im Land des Lächelns – in Nachbarschaft von Traumstränden, Villenanlagen, Sternerestaurants, belebtem Nachtleben und prächtigen Palastfassaden – wiegt der Kontrast schwer.

Besonders die Glitzerwelt der Rotlichtviertel scheint davon meilenweit entfernt zu sein, ist aber in Wahrheit nicht nur räumlich dem Elend ganz nah. Den wenigsten – weder den Männern noch den Frauen – wird das in den Momenten bewusst sein, in denen sie sich dort allabendlich begegnen, fasziniert von der asiatischen Schönheit auf der einen und fasziniert von der Aussicht auf hohen Verdienst auf der anderen Seite. Im Laserlicht und der Ausgelassenheit des Alkohols sind andere Blickwinkel wichtig und der Horizont reicht oft maximal bis zum nächsten Morgen. Die Frauen und ihre Schicksale im Prostitutionsgewerbe Thailands sind genauso unterschiedlich wie die Frauenschicksale im Rest der Gesellschaft. Auch im Rotlicht gibt es die starken selbstbewussten Frauen, die ihren Weg gehen und die Regeln dafür wenigstens mitbestimmen. Und es gibt diejenigen, die in den unterschiedlichsten Abhängigkeiten gefangen sind, Abhängigkeiten zu Menschen, Umständen, Schulden, Drogen, Gefühlen. So können auch hier – mitten im vermeintlichen Glamour, zu den coolsten Rhythmen und den erotischsten Bewegungsabläufen hässliche Momente und Bilder entstehen, die denen unter den Brücken in nichts nachstehen, auch wenn sie nicht so offensichtlich sind.

Die Frauen im Rotlicht und die Frauen unter den Brücken sind trotzdem und immer noch und ganz sicher auch in der Zukunft nicht die Frauen, die Thailand vor allem prägen. Das sind viel mehr die Eauws und Sas und Gois und Gungs, die täglich den Karren ziehen – bisweilen im übertragenen und manchmal im wörtlichen Sinne. Das sind diejenigen, die da sind: für ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Männer, ihre Freundinnen. Es sind die, die oft wenig sagen, aber viel tun. Es sind die Mütter und Töchter eines Landes, in dem es viel Sonne gibt und daher eben naturgemäß auch viel Schatten geben muss. Die Frauen Thailands tragen einen wesentlichen Teil dazu bei, dass Thailand genauso so liebenswert, bereisenswert und so lächelnd ist, wie es ist. Und dafür können ihnen Thailands Gäste – egal ob männlich oder weiblich – nicht dankbar genug sein.

Mit meiner Kamera habe ich in verschiedenen Regionen Thailands versucht, mich diesen Frauen ein wenig zu nähern. Manchmal nur für Sekunden, manchmal für länger, und – in einem Fall – für sehr viel längere Zeit.

Meine Fotos von thailändischen Frauen in diesem Blog und bei Youtube verstehe ich als meine kleine Hommage an sie. Ich will nicht bloßstellen, nicht voyeuristisch sein und ihre Fotos auch nicht zum Clickbaiting missbrauchen. Sondern sie sind wesentlicher Bestandteil meines subjektiven Blicks auf den kleinen Ausschnitt thailändischen Lebens, der sich mir auf meinen Wegen offenbart. Ich will weder alte Klischees abarbeiten noch neue kreieren. Ich betrachte die Frauen in den Städten und Dörfern des Landes, die ich besuche einfach nur durch mein Kameraobjektiv. Und schnappe dabei manchmal ein paar Geschichten auf. Und mache mir ein paar Gedanken dazu . Nichts davon ist allgemeingültig. Keine Aussage erhebt den Anspruch auf die absolute Wahrheit. Es ist eben nur meine persönliche Hommage, die nicht zuletzt aus Dankbarkeit und Anerkennung entstanden ist. Nicht mehr, nicht weniger.

Die Youtube-Fotoshow zu diesem Blogbeitrag gibt es übrigens hier: