„Bai nai?“ Wohin des Weges? Unzählige Male schalt mir diese Mischung aus Frage und Gruß entgegen, wenn ich mal wieder zu Fuß durch den Isaan streife. Ein wandernder Farang? Für viele Bewohner der kleinen Dörfer ist das eine illustre Erscheinung. Wo kommt er her? Wo will er hin? Und warum fährt er nicht mit Auto, Motorrad, Taxi oder Songthaew?

Es sind freundliche, aber auch fragende Gesichter, denen ich auf meinen Wegen über die Felder und durch die Dörfer begegne. Wie kann er bei dieser Hitze laufen und wie lange wird er wohl durchhalten? Und was will er hier, ausgerechnet hier in unserem kleinen Dorf am Rande des ohnehin schon abgeschiedenen Isaan? Und allzu oft stoppen fremde Motorradfahrerinnen oder Autobesitzer und bieten mir an, mich mitzunehmen. Dass ich freiwillig, in voller Absicht und bester Laune zu Fuß von einem Dorf zum nächsten wandere, kann sich niemand so recht vorstellen.

„Bai nai?“

„Exercise!“ habe ich mir angewöhnt, zu antworten.

Mit diesem Wort können die meisten – trotz in der Regel rudimentärer Englischkenntnisse – etwas anfangen. Zunächst hatte ich es mit „Sport“ probiert. Das sagte ihnen nichts und provozierte unverständlich-ungläubige Blicke. Denn Sport ist Wettbewerb, Meisterschaft, große Emotionen, erbitterte Muay Thai-Kämpfe oder ewige Niederlagen der thailändischen Fußball-Nationalmannschaft. Jedenfalls etwas, das Profis und Stars im Fernsehen machen. Und nicht ein einsamer, verschwitzter Farang auf der eigenen Dorfgasse.

„Exercise“ kennen die Dorfbewohner auch aus dem Fernsehen. Und aus dem Leben fast jedes Provinzstädtchens. Ihr neuer König startete – als er noch den Status Prinz und Thronfolger hatte – eine große Breitensportbewegung „Bike for Mom“. Damit sollten gleich drei thailändische „Problemfliegen“ mit einer Klappe geschlagen werden: Die Thais sollten ermutigt werden, sich selbst sportlich zu betätigen. Denn mit dem Einzug von Fastfood aus der westlichen Welt, mit zunehmendem Alkoholkonsum und mit der Verbreitung von Büroarbeit und automatisierter Unterstützung körperlicher Arbeit in Landwirtschaft und Fabriken sind Übergewicht und die damit einhergehenden Krankheitsbilder ein Thema in Thailand geworden: optisch im Straßenbild und gesundheitlich in den Wartesälen der staatlichen, thailändischen Krankenstationen, die es überall im Land gibt.

Zugleich sollte in Zeiten der politischen Krise und der ökonomischen Herausforderungen die Orientierung auf das Königshaus und die Königinmutter gestärkt werden, gerade weil zum Zeitpunktes des Starts von „Bike for Mom“ der damals noch amtierende König Bhumibol selbst aufgrund seines höchst angeschlagenen Gesundheitszustandes nicht mehr durch neue persönliche Auftritte in der Öffentlichkeit seinem Volk Halt und Sicherheit geben konnte.

Und schließlich diente die Kampagne dem Prinzen dazu, seine eigene Regentschaft vorzubereiten. Denn ihm oder zumindest seinen Beratern war wohl schon früh klar, dass es etwas aufzubereiten galt angesichts des Image, das dem heutigen König damals anhing.

„Exercise“ ist also auch den Leuten in den Dörfern ein Begriff. Das machen die Städter, unter Anleitung ihres zukünftigen Königs, zum Nutzen ihrer Gesundheit und zu Ehren der Königin. Und sogar dieser Farang hier, der schwitzend und schnellen Schrittes durchs Dorf zieht, macht mit. Wenn auch ohne Fahrrad, nur per pedes. Aber er ist ja auch ein Farang und er kennt sich nicht so gut aus. Nichtsdestotrotz: bei vielen meiner kurzen „Bai-Nai-Exercise“-Begegnungen geht sogleich der Daumen nach oben und dazu erhalte ich ein Lächeln irgendwo zwischen Anerkennung, Respekt, anteilnehmender Sympathie und der Diagnose fortgeschrittenen Wahnsinns angesichts der Hitze – bei mir.

Hunde können übrigens nicht lächeln und haben keine Daumen. Nicht nur deshalb gibt es von ihnen keine Sympathiebekundungen, sondern bestenfalls ein halb geöffnetes Auge während sie bewegungslos in der Mittagshitze dösten. Bestenfalls! Die Regel ist jedoch: aufgeregtes Bellen, drohendes Knurren und sofortige Signalisierung der Verteidigungsbereitschaft von Hab und Gut des Herrchens durch furchteinflößendes Zähnefletschen. Mit thailändischen Wachhunden, von denen es in jedem Ort deutlich mehr gibt als Bedarf wäre, ist nicht zu spaßen und es gibt mehr als einmal Situationen, wo ich wirklich befürchte, nicht ungeschoren davon zu kommen. Besonders nervend sind Rudelbildungen, in denen sich die Meuten mehrerer Nachbarschaften – alarmiert durch einen bellenden Kollegen – miteinander vereinen, bevorzugt an den kleinen Straßenkreuzungen der Dörfer. Sehr unangenehm, zumal wenn in diesem Moment keine Menschenseele am Gehöft oder auf der Straße zu sehen ist. Auch deswegen freue ich mich immer über jedes offene „Bai nai“ und auch deswegen antworte ich immer mit einem fröhlich und harmlos klingenden „Exercise“, immer in der Hoffnung, dass der Wachhund meines Kurzgesprächspartners die Tempi unserer Stimmlagen als konfliktfrei und unbedrohlich interpretiert und sich das anstrengende Bellen und Zähnefletschen in der Hitze spart.

Draußen zwischen den Feldern, alleine und ungestört unterwegs, fühle ich mich sicherer. Die Füße und das Auge wandern über die weitläufigen Reisfelder – je nach Saison grün oder braun – bleiben an den von Eukalyptus-Alleen gesäumten Wasserkanälen hängen oder an einem kleinen Latexhain oder einem Maniokfeld mit den stengeligen grünen Pflanzen.

„Exercise“: ja, ich bin unterwegs im Isaan, um mich selbst körperlich zu fordern. Aber ich bin auch unterwegs, um intensiv, unmittelbar und entschleunigt meine Blicke über das Land, in die Dörfer, zu den Menschen schweifen zu lassen. Die Landschaft draußen ist flach.  Nur ganz hinten am Horizont – zumindest hier, im südlichen Zipfel des Isaan – ist die Hügellandschaft zu erkennen, die den Übergang nach Kambodscha bildet. Dort endet Thailand. Dort endet der Isaan. Dort endet diese Welt, die sich im wesentlichen um die einmal jährlich mögliche Reisernte dreht. Denn der Reis prägt nicht nur die Landschaft, sondern noch immer das Leben – ökonomisch, kulturell, kulinarisch. Der Reis prägt das Jahr, seine Abläufe, seine wiederkehrenden Aufgaben und Feste, die Ferienzeiten, das Wirtschaftsleben, ja selbst die Politik. Das Landschaftsbild wird so zum Symbol des Lebens.

Die Reisparzellen werden von mehr oder minder großen Dämmen voneinander getrennt. Auf diesen leichten Erhöhungen laufe ich durch das Land, wenn kein ordnungsgemäßer Weg zur Verfügung steht. Ich bin im Dorf meiner Frau gestartet, überquere einen breiteren Wasserkanal auf einer wenig vertrauenserweckenden Betonbrücke und bin dabei froh, dass mir niemand entgegenkommt, weder mit dem Motorrad noch auf dem Fahrrad oder zu Fuß. Zu schmal wäre diese Betonbrücke für zwei Personen oder gar ein Gefährt und mich, zumal es für den Luxus eines Geländers beim Erbauen der Brücke nicht reichte. Also überquere ich das Brückchen mit unsicheren, westeuropäischen Schritten und bin schließlich froh, in recht kurzer Zeit den parallelen Damm zu erreichen. Ich folge der Eukalyptusallee auf diesem Damm. Auch wenn dieser Baumtyp einen recht hohen Wasserverbrauch hat, so ist es doch eine einträgliche, zusätzliche Einnahmequelle für die Isaan-Bauern. Denn das Holz eignet sich besonders gut, um Gerüste oder sonstige bei Bauarbeiten notwendige Vorrichtungen zu errichten. Es wird also nicht etwa verbrannt oder in sonstiger Weise genutzt, sondern als Baustoff und Bauzubehör gehandelt. Allzu groß dürfen die Eukalyptusbäume allerdings nicht wachsen. Nur das Holz der jungen Bäume eignet sich für die Weiterverwendung. Bestellt der Besitzer eines Eukalyptushains oder einer Eukalyptusallee einmal seine Bäume nicht rechtzeitig, wachsen sie zu schnell oder zu ungestört. Wird nicht rechtzeitig geerntet, so ist das Wäldchen verloren, dient nur noch als Schattenspender und Windschutz. Der Eukalyptus muss jung und schlank genutzt werden. Die meisten kleinen Eukalyptushaine oder Mini-Alleen entlang der Wasserkanäle werden daher gehegt und gepflegt und schaffen ihren Besitzern eine einträgliche zusätzliche Einnahmequelle. So kommt ein wenig des Baubooms in den Hotspot-Cities Thailands auch im Isaan an. Dennoch wird mir schon beim Betrachten der Stämmchen hier entlang des Kanals beinahe schwindlig wenn ich daran denke, dass in Bangkok, Chiang Mai oder anderswo die Bauarbeiter ihr Tagwerk völlig ohne Sicherung auf diesen Hölzern balancierend verrichten. Nicht wenige von ihnen kommen – genauso wie die Hölzer – aus dem Isaan. Vielleicht rührt daher ihr Urvertrauen in Material und Konstruktion.

Irgendwann auf meiner Wanderung zeichnen sich die rot-goldenen Dächer des Wat Sima augenfällig durch das Grün der Felder hindurch ab. Das signalisiert mir, dass mein erstes Zwischenziel in der Nähe des für isaanische Verhältnisse relativ quirligen Ortes Ban Khanat Mon erreicht ist. Mit seinen beiden großen Schulen, dem örtlichen Verwaltungsgebäude, dem täglichen Markt und eben dem in der Umgegend sehr bekannten Wat Sima ist Ban Khanat Mon ein kleines Zentrum in dem Landschaftsstreifen zwischen der nächstgrößeren Kreisstadt Sangkha und der kambodschanischen Grenze. Ich passiere nach wenigen Minuten den Wat. Er liegt heute fast verlassen dar, die Mönche sind nicht zu sehen.

Noch vor wenigen Tagen erlebte ich das Areal ganz anders: am Abend, voller Menschen, Musik, Buddha-Rezitationen. Über dem Wat lag eine Wolke angenehmster Düfte aus der Vielzahl von Räucherstäbchen, die anlässlich einer regionalen Festivität dort entzündet wurden. Aus allen Dörfern im Umkreis von 10, 15 Kilometern waren sie gekommen. Die Pickups vollgeladen, auf Motorrädern mindestens zu viert und auch das ein oder andere, eigentlich landwirtschaftlich eingesetzte Gefährt habe ich vollgepackt mit Großfamilien entdeckt. Es war ein beeindruckender Abend mit all diesen friedlichen, unmissionarischen und dennoch überzeugt und überzeugend wirkenden Gläubigen, die sich hier versammelt hatten, um in einer besonderen Zeremonie dem Beginn des neuen Jahres zu gedenken. Aber heute, wenige Tage später liegt der Wat fast verlassen da. Nur die Tempelhunde, wieder einmal die Hunde, machen sich bemerkbar, schon als ich mich der Anlage auf einige hundert Meter nähere. Zum Glück erregt irgend etwas am entgegengesetzten Ende des Wat ihre höhere Aufmerksamkeit, so dass ich ungehindert passieren kann.

In Dorfnähe wechselt wie so oft der Feldbesatz. Die Kanäle für die Reisfelder werden – kein Wunder angesichts der gelegentlichen Wassermassen in der Regenzeit – in der Regel mit respektvollem Abstand zu den Häusern des Dorfes angelegt. Statt Reis sehe ich daher hier in der Nähe der Besiedlung Maniok in der trockenen Erde, dieses inzwischen etablierte Nahrungsergänzungsmittel für alle erdenklichen Formen von „Khanom“, also Snacks, dass die Bauern im Isaan also nicht für den Eigenbedarf, sondern zum Weiterverkauf an die Ernährungswirtschaft pflanzen. Und Zuckerrohr, das zwar gelegentlich gleich vor Ort im Dorf zu einem sehr süßen Saft ausgepresst wird, aber in der Regel ebenso wie Maniok in große Fabriken zur industriellen Weiterverarbeitung transportiert wird. Die teils abenteuerlichen Gefährte, in denen die Ernte ihren langen Weg nimmt, führen übrigens auf den Hauptstrassen des Isaan immer wieder zu teils haarsträubenden Überholmanövern ungeduldiger und schneller fahrender Verkehrsteilnehmer.

Kinder und Alte prägen überwiegend das Antlitz der Dörfer. Wenn diese beiden Gruppen ausreichend von den in Korat, Bangkok, Chon Buri, Rayong oder noch weiter entfernten pulsierenden Wirtschaftsregionen arbeitenden mittleren Jahrgänge unterstützt werden, kann man ihnen leicht ansehen, dass es ihnen gut geht. Umgekehrt gilt dies leider auch. Ein staatlich organisiertes soziales Netz fehlt in Thailand weitestgehend. Die Unterstützung der Familie bewahrt vor bitterer Armut. Oder eben nicht. Das wird sowohl unter den Brücken von Bangkok als auch in manch elend aussehender Hütte im Isaan deutlich. Aber nicht bei jedem im Isaan herrscht bittere Armut. Und nicht alles, was das westliche Auge als „arm“ oder „elend“ identifiziert – wie etwa Kleidung, Behausung, Küchen, Aborte oder der vor allem nur noch durch viel Rost zusammengehaltene fahrbare Untersatz –   wird von den Betroffenen selbst als ärmlich empfunden.

Man darf ein Dorf im Isaan nicht nach westlichen Kriterien sezieren – weder was Verhaltensweisen, Arbeitszeiten, Zustand oder Aussehen angeht.  Natürlich stechen die Häuser der mit Thailänderinnen verheirateten Farang und der reichen, örtlichen Thais mit Zugang zu regionalen oder überregionalen politischen und ökonomischen Netzwerken im Dorfbild heraus. Schmuck sehen sie aus, diese Häuser: modern, gepflegt, auffällig, mit Garten, ohne Landwirtschaftsutensilien. Aber es gibt genügend Behausungen von Thais, die zwar in unserem Empfinden primitiv wirken, aber voll funktionsfähig auch im Isaan ein halbwegs akzeptables Schicksal ermöglichen.

Mein Freund Put hat zunächst Pech und dann besonderes Glück gehabt. Als Puts Arbeitskraft mit zunehmendem Alter schwand, hatte ihn seine Frau verstoßen und aus dem gemeinsamen Haus geworfen. Aber er war der beste Freund eines Mannes, dessen Sohn im Eastern Seaboard zu bescheidenem Reichtum gekommen ist. Als die Frau seines Freundes starb, lud dieser ihn ein, jetzt dauerhaft bei ihm zu wohnen. Und als sein Freund verstarb und die Einladung quasi mit der Einäscherung erlosch, musste sich Put nicht etwa eine neue Bleibe suchen. Nein, der reiche Sohn seines Freundes beauftragte ihn kurzerhand, dass nun er auf das Haus aufpassen und dort dauerhaft bleiben solle. Seitdem führt er ein zwar einsames, aber glückliches und engagiertes Leben. Put verfügt über eine eingerichtete Küche, einen schönen Teakholzesstisch, den er auch nutzt und sich daher abgewöhnt hat, auf dem Boden zu essen. Die Sanitäranlagen sind unlängst erst renoviert worden, fließend Wasser aus dem eigenen Brunnen inkludiert.  Er schläft im Bett seines verstorbenen Freundes und nicht auf einer einfachen Bodenmatte. Put hat es also im Alter nach dem Rauswurf durch seine Frau wirklich gut getroffen. Er weiß um seine Privilegien und ist unglaublich dankbar und hilfsbereit, kümmert sich mit Verve um das Anwesen. Er pflegt den Garten und die Felder, achtet auf Sauberkeit im Haus und auf dem Grundstück, ist auf der Hut vor Einbrechern und Gesindel. Die Früchte des Gartens teilt er mit der im Dorf in eigenen Häusern wohnenden restlichen Familie seines verstorbenen Freundes. Auch alle Gäste, die gelegentlich – an Neujahr oder anlässlich sonstiger Zeremonien – im Haus weilen dürfen, unterstützt er mit Leidenschaft.

Aber so wie Put geht es längst nicht allen im Dorf. Auffällig ist die Spanne – zwischen reich und arm, modern und alt, ewig im Dorf Verbliebenen und in anderen Lebenswelten Erfahrenen. Sicher gibt es diese Spanne auch in einem deutschen Dorf, vielleicht weniger extrem. Aber da sich das Leben im Isaan auf der Straße, auf den zur Straße zugewandten Blaufließen-Terrassen und den teils offenen Bretterbuden abspielt, sind diese Unterschiede viel offenkundiger. Auf der einen Straßenseite die Frau, die ihre Altersschmerzen nur mit dem Kauen von Bethelnüssen und ihren täglichen Reisschnaps-Rationen bekämpfen kann und Kleider trägt, die man als Lumpen bezeichnen könnte. Und auf der anderen Straßenseite die junge Frau, die morgens mit ihrem neuen Motorbike in Businesskleidung oder Universitätsuniform in die Provinzhauptstadt fährt und abends via Tablet verbunden ist mit der ganzen Welt, mit modernen Kulturen und neuen Kommunikationswegen. Die beiden sind nur durch die schmale, erst vor wenigen Jahren geteerte Straße getrennt. Und durch ein paar Jahrzehnte Lebenszeit. Doch in Wahrheit leben sie beide eigentlich und meistens in völlig getrennten Welten. Nur die Dorftraditionen, die Nachbarschaftlichkeit und vermutlich verwandtschaftliche Bande verbinden die beiden noch.

Es sind schon enorme Entwicklungssprünge, denen diese Dörfer im Isaan ausgesetzt sind: durch technische Errungenschaften in der Landwirtschaft, durch neue Berufsbilder, durch anderes Konsumverhalten, durch Digitalisierung und gewachsene Kommunikationsmöglichkeiten, durch die Einflüsse derjenigen, die ihren Lebensmittelpunkt nicht mehr im Dorf, sondern aus beruflichen Gründen in den Zentren haben. Wenn man in Europa gelegentlich die Geschwindigkeit von aktuellen Entwicklungen wie Digitalisierung und Globalisierung als etwas Bedrohliches wahrnimmt, wie muss dies erst auf eine 50- oder 60jährige Thailänderin wirken, für die schon das erst vor wenigen Jahren angeschaffte Röhrenfernsehen im großen Wohnraum eine unglaubliche Veränderung von Perspektiven, Lebensinhalten und Tagesabläufen bedeutete.

Möglicherweise gab es immer schon Neid und Missgunst in den Dörfern des Isaan. Möglicherweise konnte man immer schon sein Gesicht verlieren, wenn man sich – in den Augen der Nachbarn – nicht ordentlich um sein Haus, seinen Hof und seine Familie gekümmert hat. Aber es ist für mich zweifelsfrei, dass mehr finanzielle Möglichkeiten, eine engere Bindung zum Rest der Welt, zunehmende Motorisierung, die Errungenschaften der Verwandtschaft in den Ballungszentren und die Verlockungen des modernen Konsums Neid und Missgunst in den Dörfern leider eher gestärkt haben. Das Geld der Farang, erworben in Pattaya oder anderswo oder direkt vor Ort gemeinsam in Grundstücke, Häuser, Autos und Infrastruktur investiert, tut sein Übriges.

Und doch: es wird noch immer gemeinsam gefeiert, zum Wat gepilgert, getrauert, gelacht, getrunken und palavert auf den Blaufliesen-Terrassen vor den Häusern. Und an Songkran vollzieht die Studentin mit dem Tablet an der Alten in den Lumpen ehrfurchtsvoll das Ritual der Fußwaschung.

Man lebt im Isaan nach vorne zur Straße hin, immer mit Blickkontakt zum Nachbarn, zur Dorfgemeinschaft, zu den morgendlich über die Dörfer ziehenden Mönchen oder den nachmittäglichen Verkaufswagen, die durchs Dorf rollen. Mancher und manchem Thai in Europa kommen unsere Dörfer und Städte dagegen architektonisch geradezu verschlossen, abweisend, kalt und unsozial vor. Im Isaandorf weiß man genau, wer zu seinen Freunden zählt und wessen Terrasse immer offen steht für einen Plausch, ein gemeinsames Essen oder einen Mekong Whisky. Und wen man geflissentlich ignoriert. Vielfältige Familienbande spielen dabei eine wichtige Rolle, aber bisweilen verlaufen die Gräben der verlorenen Gesichter auch zwischen den Clans. Aber so genau weiß das der Farang meistens nicht. Und das ist auch besser so.

„Bai nai“: diese so oft gehörte Begrüßungsformel ist dennoch ein sympathiegetragener Opener für einen kurzen oder längeren Kontakt. Es ist freundlich, offen, neugierig gemeint. Und das ist die überwiegende Haltung, die mir im Dorf meiner Frau, auf meinen Wegen durch Felder und Dörfer der Region, in den kleinen Städtchen und ihren Märkten und Shops, an der Tankstelle oder im örtlichen öffentlichen Schwimmbad begegnet sind. Natürlich hatte ich auch einige, allerdings wirklich wenige unangenehme Begegnungen. Aber ich lasse mir dadurch meine positive Einstellung zu diesem Teil Thailands nicht konterkarieren. Im Zweifelsfall hat man mehr schwierige Begegnungen in den Touristenhotspots, wobei auch dort eher die Gefahr besteht, von einem Farang negativ konnotiert angesprochen zu werden denn von einem Thai.

Die Dörfer, der Isaan, die Menschen auf dem Land: Das ist ein Teil „meines“ Thailand, sogar ein ganz wesentlicher Teil. Es ist eine Rückbesinnung. Es ist ein Thailand, ohne dass der schillernde Rest dieses beeindruckenden Landes nicht wirklich und vollständig zu verstehen ist. Ich bin sehr dankbar, diese Seite Thailands intensiv, authentisch und durch eigenes Erleben kennengelernt zu haben und immer wieder neu kennen zu lernen und dabei stets dazu zu lernen. Ich möchte keine Sekunde missen, die ich im Isaan verbracht habe und noch verbringen werde, auch wenn ich genauso gerne am Strand die Seele baumeln lasse oder auf Farang-orientierte Infrastruktur in den touristischen Zentren zurückgreife. Aber wer Thailand und die Thais sozial, politisch und ökonomisch wenigstens ein bisschen besser verstehen will, wer den Mentalitäten der Thais näherkommen will, wer einen Sinn für das Leben in Thailand entwickeln will, der kommt nicht drum herum das Leben im Dorf – egal ob im Isaan oder anderswo – kennen zu lernen. Die Funktionsweisen dieser dörflichen Gemeinschaft, der Familienclans, der gemeinsamen sozialen Gruppen prägen auch das soziale Leben und das soziale Verhalten in den Großstädten, in den Touristenhochburgen, sogar wenn Thais gemeinsam ein Restaurant, eine Bar, einen Übernachtungsbetrieb oder sonst eine wirtschaftliche oder private Community organisieren. Die Grundsätze der Rollenverteilung und des Rollenverhaltens aus dem Dorf oder aus der Sippe werden selbst in eine der Lebenswirklichkeit der Thais so fernen Institution wie einer Agogo oder einer Bierbar in der Soi Buakhao von Pattaya übertragen. Immer lassen sich ähnliche soziale Hierarchien, Rollenaufteilungen zwischen „Alt“ und „Jung“, zwischen Erfahrenen und Neuen, zwischen Reichen und Armen ausmachen. Manche Verhaltensweise, Rücksichtnahme oder auch negative Reaktion auf andere oder das eigene Gesicht, die sich dem Farang nicht auf Anhieb erschließen,  lassen sich mit diesem Hintergrund leichter nachvollziehen – und das im Großen wie im Kleinen: in der Bar, im Freundeskreis, im Unternehmen, in der Politik. Der Mikrokosmos Dorf und seine Struktur sind der Schlüssel zu Thailands Traditionen und Mentalitäten, die hier – vielleicht stärker als in anderen Ländern – das individuelle Handeln und das gesellschaftliche Leben bestimmten. Das gibt den Thais ein sicheres Fundament – gesellschaftlich und persönlich. Aber allzu oft ist diese Orientierung auf Tradiertes auch hinderlich bei der Weiterentwicklung Thailands in einer neuen Zeit voller Veränderungen in der Welt. Trotzdem erwarte ich, dass Thailand noch lange Zeit ein „Land der Dörfer“ bleibt.