Im Isaan die eigene Hochzeitsfeier verschlafen? Das sollte niemandem passieren. Auch und gerade nicht in Thailand, wo mindestens zwei Tage gefeiert wird. Bunt. Laut. Und mit einer Mischung aus traditionellen Ritualen, buddhistischer Überzeugung, familiärer Inbrunst und ausgelassener Fröhlichkeit. Und ich? War mittendrin statt nur dabei. Wenn auch nicht die ganze Zeit.

Die Braut war ziemlich sauer, als ich am späten Nachmittag unseres ersten thailändischen Hochzeitstages auf das Festgelände ihres Isaan-Dorfes im Nordosten Thailands zurückkehrte. In Erwartung, dass nun – kurz vor dem Sonnenuntergang und passend zum Einbruch der Dunkelheit – die Feierlichkeiten in vollem Gang seien, hatte ich nach einem erholsamen Schlaf ausführlich geduscht, erneut den mir unbeliebten, weil etwas unbequemen Hochzeitsanzug angelegt und mich ausgeruht der Herausforderung des Abends stellen wollen. Allerdings wunderte ich mich, dass eine ganze Reihe der Rundtische für die vielen Gäste unbesetzt war. Als ich darauf hin meine Frau fragte, wann denn die Gäste kämen, erntete ich eben jenen angesäuerten Gesichtsausdruck nebst dem Hinweis, dass die meisten – wie offenbar in Thailand üblich – schon vor der Dämmerung gegangen seien. Da merkte ich, dass meine Zeitplanung für die vergangenen 60 Stunden ziemlich suboptimal war. Und nahm mir vor, am zweiten Hochzeitstag alles besser zu machen.

Aber zunächst zurück zum Beginn dieser 60 Stunden.

Seit meiner Kindheit fasziniert mich jede Form von Reisen und Fortbewegung von einem Ort zum anderen, eingebunden in einen Kokon von Abläufen, Eindrücken und Erwartungen. Die Atmosphäre, die Dynamik, das Kommen, Gehen und Bewegen auf Rastplätzen, Flughäfen, Bahnhöfen und in Zügen, in Fliegern, Schiffen und Vierrädern fesseln mich immer wieder. Das Leben ist nirgendwo mehr im Fluss als an solchen Orten. Ich beobachte all dies gerne und bin ebenso gerne ein Teil des Ganzen. Trotzdem oder gerade deswegen fällt mir eines auf Langstreckenflügen sehr schwer: schlafen! Vor meinem ersten Langstreckenflug nach Asien hatte mir meine damalige Reisepartnerin jedoch einen heißen Tipp gegeben: Sei vor dem Flug möglichst lange wach! Umso leichter fällt es dir, während des Fluges Schlaf zu finden. Und in der Tat – meistens gelingt es mir mit dieser Methode, wenigstens einige Schlafphasen in Nato-Pausenlänge zu realisieren. So hielt ich es auch im Vorfeld meines Hochzeitstrips, der dem überraschenden Verlobungsaufenthalt folgte (siehe:  https://scontour.wordpress.com/2019/01/12/isaan-verlobung-vorm-fruhstuck/ ).  

Das fiel mir auch nicht schwer, denn bis unmittelbar vor der Abreise war ich beruflich sehr eingespannt. Der Koffer musste wenige Stunden vor Abflug auch noch gepackt werden. Denn während Thailänderinnen nach meiner Beobachtung schon etwa vier Wochen vor Abreise in ihr Heimatland erstmals ihren Koffer packen und jenen dann im Laufe der Zeit mindestens wöchentlich noch einmal umpacken – möglicherweise eine ritualisierte Form der Vorfreude über die Rückkehr in ihre Heimat  – gehört das Kofferpacken für mich eindeutig zu einer der Hauptbeschäftigungen in dieser Wachphase unmittelbar vor Flugbeginn.

So schaffte ich es also, in der Nacht vor dem Flug sehr früh aufzustehen und den folgenden Tag ohne Schlaf auszukommen und kam planmäßig bestens ermüdet am Frankfurter Airport an. So vorbereitet würde mich der Pilot nach dem Abendessen sicher schnell in meine Träume schaukeln können. Bevor ich jedoch in diesen wohlverdienten Schlaf fallen wollte, stand mir noch eine besondere Episode bevor.

Seit meinen ersten Indien-Reisen pflegte ich kleine, so genannte Werbe-Give-aways – Kugelschreiber, Flaschenöffner oder auch Feuerzeuge – mit nach Asien zu nehmen. Denn immer wieder sind solche Produkte aus beendeten Kampagnen meines damaligen Arbeitgebers übrig und versauern ungenutzt im Materialschrank. Als kleine Gabe für Kinder, Dankeschön für hilfreiche Wegbegleiter oder Anerkennung für kleine Dienstleistungen haben sie sich auf meinen Trips durch Asien bewährt. Dieses Vorhaben begeisterte auch meine thailändische Partnerin und so sammelte sie in den Monaten vor der Abreise fleißig überschüssige Kugelschreiber und Feuerzeuge. So hatten sich wohl alleine rund 200 Feuerzeuge im Gepäck angesammelt. Ein wenig viel, wie ich fand.

Als wir dann am Terminal 2 des Frankfurter Flughafens in der Schlange vor dem Check Inn warteten, beobachtete ich, wie die vor uns Eincheckenden nach einer Aufforderung des Personals, die ich akustisch nicht verstand, aus ihrem Hauptgepäck zwei Feuerzeuge herauspulten, um sie jeweils in ihr Handgepäck zu stecken.  Diese Beobachtung überraschte mich. Das war mir zuvor noch nie passiert. Eher wurde ich aufgefordert, mehr als zwei Feuerzeuge aus meinem Handgepäck zu entfernen. Aber tatsächlich: Als wir beim Check-Inn an der Reihe waren, wurden wir aufgefordert, aufgrund einer neu installierten Sicherheitsanlage gegebenenfalls im Koffer befindliche Feuerzeuge zu entfernen. Tja, da standen wir nun mit unseren gesammelten Werken. Es dauerte einige Zeit bis alle Tüten mit der „heißen Ware“ aus den Koffern entfernt waren. Es ist ja immer unangenehm, vor der versammelten und ungeduldig wartenden Check-Inn-Gemeinde noch einmal das aufzugebende Gepäck zu öffnen. Zwar sind die Kofferinhalte zu Beginn der Reise in der Regel sauber und geordnet, aber die Situation gleicht schon etwas einer öffentlichen Visitation. Immerhin: ein freundlicher Herr vom Reinigungspersonal war erfreut: Er bekam von uns das ungewöhnliche Präsent mehrerer Tüten mit ungenutzten Feuerzeugen überreicht und bedankte sich überschwänglich.

Und wir gingen zum Boarding, das jedoch auf sich warten ließ. Es dauerte und dauerte und es breitete sich unter mir und weiteren Mitreisenden schon eine gewisse Unruhe aus. Diese wurde bei mir noch gesteigert, als ich bei zwei Serviceleuten im Vorbeigehen die Frage erlauschte, ob nun endlich auch das Gepäckstück „Schweitzer“ an Bord sei. Sollte etwa eines unserer Gepäckstücke an der Verspätung schuld sein? Bevor ich noch darüber nachdenken konnte, hörte ich den Gate-Lautsprecher tönen: „Herr Schweitzer, bitte zum Gate-Schalter“

Als ich mich von meinem Platz im Gate Bereich erhob, um mich zum Schalter zu begeben, nahm ich im Augenwinkel eben noch gerade so wahr, wie sich die zu mir gehörende Thailänderin – ehedem von zierlicher Gestalt – darum bemühte, gänzlich in ihrem Sitz zu verschwinden, ja geradezu unsichtbar zu werden. Am Schalter angekommen, hielt mir der Sicherheitsbeauftragte – es war der selbe Mitarbeiter, der uns eingecheckt hatte – vorwurfsvoll einen originalverpackten Kubus mit 50 ausgemusterten Werbefeuerzeugen meines Arbeitgebers vor die Nase und teilte mir mit, dass dieser Fund in meinem Gepäck normalerweise ausreichen würde, um mir den Einstieg in den wartenden Jet nach Abu Dhabi zu verweigern. Ich nahm das zur Kenntnis, entschuldigte mich und versuchte mich mit einem „den haben wir wohl beim Auspacken übersehen“ glimpflich aus der Affäre zu ziehen, wohlweislich, dass ICH diesen Kubus nicht übersehen hatte. Ich schätzte die Lage vielmehr so ein, dass meine liebe thailändische Mitreisende nicht an die Sache mit den auf Feuerzeugen abonnierten Sicherheitsmaschinen glaubte, sondern die Maßnahme nur für eine Schikane hielt und wenigstens den wertvollsten Teil ihrer Sammlung nach Thailand retten wollte.

Im Augenwinkel hatte ich während meines Gespräches mit dem Officer jene Thailänderin, die ich in wenigen Stunden nach thailändischer Tradition heiraten sollte, nicht aus dem Blick gelassen, dem sie wiederum schamhaft auswich. Immerhin konnten wir unseren Flug endlich antreten, wenn wir auch beim Boarding als Mischung aus wutschnaubendem Farang und noch kleinerer kleinen Thai-Frau sicherlich alles andere als das Idealbild eines Paares auf Hochzeitsreise abgegeben haben.

Ich weiß nicht, ob es an dem Vorfall beim Boarden lag, aber obwohl ich nach dem Dinner im Flieger inzwischen mindestens 20 Stunden wach war, wollte ich diesmal keinen Schlaf finden. Ich nickte zwar minutenweise weg, aber das reichte nicht einmal für die „Nato-Pause“. So erreichte ich ziemlich wach und trotzdem müde nach einem Zwischenstopp am damals architektonisch überschaubaren, aber schon überfüllten Abu Dhabi Airport, nach 15 Flugstunden Bangkok by night.

Nach der obligatorischen Konfrontation mit der Hitzewand nach Verlassen des Flughafengebäudes (siehe https://scontour.wordpress.com/2018/12/26/ankommen-in-thailand/ ) erwartete uns der Bangkoker Teil der Thai-Familie, um uns abzuholen. Alles war wieder gut, außer dass der Onkel meiner Frau auf dem Weg zum bis heute obligatorischen Welcome-Dinner in einem Freiluft-Restaurant in Bang Na die Aircondition seines Pickups auf „Krabbencocktail-Lagerungsstufe“ stellte und ich mich nach kurzer Zeit wie eine selbige, frischgefangene und schockgefrorene fühlte. Egal, wir waren da. Herrlich, endlich wieder original Thai-Food, endlich wieder Wärme und endlich wieder draußen sitzen. Das Leben kann so einfach und schön und schön einfach und einfach schön sein. Aber wie so oft – in Thailand und auch anderswo – folgt dem Moment völligen Wohlseins eine neue Herausforderung. Als ich mich nach dem Essen müde und zufrieden mehr aus Langeweile nach dem weiteren Ablauf des Abends erkundigte, händigte Onkel mir den Schlüssel eines der drei Fahrzeuge aus, die zu unserem kleinen Familien-Konvoi vom  Airport gehörten. „Now we go home to my Baan for wedding! Here is your car key.“ verkündete er und es war ihm sichtlich die Freude darüber anzumerken, dass er diesmal gleich daran gedacht hatte, mir notorischem Selbstfahrer eines der Autos anzuvertrauen (siehe https://scontour.wordpress.com/2019/01/12/isaan-verlobung-vorm-fruhstuck/).

Nun freute ich mich zwar ob seiner Einsicht, hätte mir aber wegen meiner fortschreitenden Müdigkeit – befeuert durch den einsetzenden Verdauungsprozess nach dem üppigen Thai-Dinner – schon vorstellen könne, erst einmal noch eine Nacht zu ruhen. Falsch gedacht – ehe ich mich versah, hatte sich der Konvoi – mit Onkel an der Spitze, mir, meinem Wagen und meinen Mitfahrern in der Mitte und einer Cousine meiner Frau mit ihrem flotten, roten japanischen Flitzer samt  großflächigem „FC-Liverpool-Aufkleber“ in Bewegung gesetzt. Zu einer rund sechsstündigen Autofahrt durch die pechschwarze thailändische Nacht in Richtung der Provinz Surin.

Die Hochzeitszeremonie wartete! Amazing Thailand.

Es war gegen 6 Uhr morgen – 45 Stunden ohne Schlaf – als wir unser Ziel in der Nähe der kambodschanischen Grenze unfallfrei erreichten. Kaffee, Cola, Nikotin, frische Luft und der unbedingte Wille, jetzt als Selbstfahrer auch durchzuhalten, hatten mich die rund 450 Kilometer durch die Nacht gebracht. Ich war erleichtert. Und ziemlich k.o.

Kaum ausgestiegen hielt mir einer der Dorfjungs, die uns mit großem „Hallo“ begrüßten, eine Flasche Leo-Bier entgegen. Und ich dachte mir: Warum nicht, das könnte der passende Schlummertrunk sein, um danach einmal kurz, aber kräftig auszuschlafen, bevor diese Hochzeitszeremonie beginnt. Ich nahm ein paar kräftige Züge aus der Pulle, genoss diese herrliche, morgendlich frische Isaan-Luft und vor allem den Umstand, mich jetzt erst einmal nicht mehr fortbewegen zu müssen.

Was mich allerdings etwas irritierte: Zwischenzeitlich wurde die für die Hochzeit aufgebaute, gigantische Beschallung auf dem Grundstück in Gang gesetzt und aus den riesigen Boxen dröhnte typische Isaan-Musik. Es störte mich nun nicht sonderlich, denn ich war noch zu sehr mit den Strapazen der Nacht beschäftigt, aber ich fand doch, dass dies ein seltsamer Zeitpunkt für einen Soundcheck war. So früh am Morgen!  Als ich meiner Frau dann mitteilen wollte, dass ich mich jetzt endlich hinlegen würde, schaute sie mich mit weit aufgerissenen Mandelaugen an und stauchte mich zusammen: „Nix da, du fährst jetzt mit meiner Cousine ins Nachbardorf, um beim dortigen Schneider deinen Hochzeitsanzug anzuprobieren. Gleich kommen die Mönche und um acht Uhr beginnt die Zeremonie.“ Und ließ mich stehen, um sich, recht gut ausgeschlafen, ihrerseits zur knapp zweistündigen Ankleide und Maniküre zu begeben. Beginn der Hochzeit? Aha, das war gar kein Soundcheck! Das Fest hatte mit Eintreffen des Brautpaares begonnen. Ich ergab mich daher meinem Schicksal und fand mich kurze Zeit später im Hochzeitsladen zur Anprobe ein.

Bei meiner Rückkehr kurz vor acht Uhr waren die Mönche des örtlichen Wat – also des Gemeindetempels – in ihren traditionellen orangenen Roben schon komplett auf einem kleinen Podest versammelt.

Die Zeremonie konnte pünktlich beginnen, was – aus Sicht der heiligen Männer – auch dringend erforderlich war. Den Mönchen ist es nach 12 Uhr mittags nicht mehr gestattet, zu essen. Der Höhepunkt jeder Zeremonie ist aber das Verspeisen der Gaben, die die Gläubigen den Mönchen als „Dana“ – ins Deutsche nur unzulänglich als „Spende“ zu übersetzen – übergeben wird. Es ist übrigens nicht richtig, von einer „buddhistischen Hochzeit“ oder Trauung zu sprechen. Die Mönche vermählen nicht. Sondern sie vollziehen eine Zeremonie aus Anlass der Hochzeit, so wie zu vielen anderen Gelegenheit auch: bei einer Geschäftseröffnung, nach einem Autokauf, bei einer Hauseinweihung, bei Tod, Geburt oder Krankheit. Sakramente im Sinne der christlichen Glaubensauffassung kennt der Buddhismus nicht. Er begleitet vielmehr die Menschen durch alle Phasen ihres Lebens, ohne diese religiös zu vereinnahmen. Das Brautpaar nimmt daher während der Zeremonie zwar einen besonderen Sitzplatz ein, erfährt besondere Segnungen und steht natürlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber es gibt kein Ja-Wort, keinen Ringtausch oder andere durch die Mönche vollzogenen Verpartnerungssymbole. Des geschieht vielmehr am zweiten Tag, beruht auf Geisterglauben, Tradition und Volksfrömmigkeit und wird nicht von einem Mönch, sondern durch den Dorfschamanen vorgenommen. Diese beiden Zeremonien, sind zwar zeitlich voneinander getrennt und finden unabhängig voneinander statt. Aber es gibt Verbindungen zwischen buddhistischem und animistischem Ritual, was so in christlichen Glaubenswelten sicher nicht vorstellbar wäre. So segnen die Mönche nicht nur Wasser, Bindfäden, Kerzenwachs und andere Utensilien, die erst am nächsten Tag während des „heidnischen“ Rituals zum Einsatz kommen. Auch der Dorfschamane erfährt eine besondere Segnung während der Mönchszeremonie, die ihn reinigt, bekräftigt und schützt für sein Werk der Vermählung am nächsten Tag. Da ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Christentum und Buddhismus: Während wir im Katechismus die Unvereinbarkeit mit anderen religiösen Praktiken und Glaubensvorstellungen lernen, während das Christentum „Saulus“ und „Paulus“ kennt, setzt der Buddhismus eher auf Toleranz und Vereinnahmung. So ist es nicht verwunderlich, dass zum Beispiel in Tibet Rituale, Geisterwelten und Volksfrömmigkeit der Bön-Religion, des Vorläuferglaubens der buddhistischen Lama-Kultur, einfach übernommen wurden und bis heute Erscheinungsbild und Glaubenspraxis im Himalaya prägen. Genauso ist es in Thailand mit der auf Geisterglauben, Naturerscheinungen und Weissagungen beruhenden animistischen Traditionen. Sie sind Teil des Volksglaubens und der religiösen und kulturellen Praxis geblieben. Und zwar nicht geduldet, sondern sogar integriert in das Wirken der buddhistischen Religion. Diese fast schon sprichwörtliche buddhistische Toleranz hat natürlich ihre Grenzen. Und zwar genau dort, wo politische und ökonomische Machtfragen beginnen oder wo andere Religionen – einst oder heute – aggressiv missionieren.

Im Dorf, weit weg vom Weltgeschehen, spielen diese Fragen jedoch keine Rolle. Niemand wollte wissen, ob und welcher Religion der Farang angehört. Keiner verlangte ein Bekenntnis vor den Zeremonien. Und so bekam ich vier Stunden lang ethnologischen Anschauungsunterricht – mittendrin statt nur dabei.

Mit dem Mahl der Mönche ging der offizielle Teil des ersten Tags zu Ende. Zu meiner Erleichterung. Denn ich musste jetzt endlich und dringend schlafen gehen. Noch ein paar Minuten Lächeln für diverse Fotografen in diversen Gruppen und dann ging ich ab. Und schlummerte – trotz Beschallung – friedlich bis 17 Uhr.

Wie ich heute weiß, hatte ich mir dafür den denkbar schlechtesten Zeitpunkt ausgesucht. Exakt jetzt begann die „Prime-Time“ des ersten Hochzeitstages – und nicht erst am Abend, wie ich dachte. Als ich am späten Nachmittag erwachte und meine enttäuschte, frisch Vermählte wiedertraf, tat sie mir daher unendlich leid. Und ich nahm mir für den zweiten Tag vor, alles wach, fit, nett, strahlend, vollständig und verständnisvoll mitzumachen. Von der ersten bis zur letzten Minute als bester Nebendarsteller in diesem Stück.

Ban (in blau-weiß), meine Regieassistentin für Tag 2.

Zwei Vorkehrungen hatte ich dazu im Gegensatz zu Tag 1 getroffen: zum einen war ich jetzt wirklich gut ausgeschlafen. Zum zweiten hatte ich die Cousine meiner Frau, namens Ban – die aus dem Liverpool-Auto – als „Regieassistentin“ engagiert. Sie kommt aus dem Dorf meiner Frau, lebte aber zum damaligen Zeitpunkt in Bangkok und sprach – da sie an der Universität „International Relations“ studierte, sich aber dabei nach meinem Eindruck vor allem auf diverse „Praktika“ konzentrierte –  sehr gut Englisch und hatte Sensibilität für die Unterschiede zwischen Thai- und Farang-Kultur entwickelt. Sie war mein hilfreicher „Guide“ durch die Zeremonie dieses zweiten Tages. Natürlich hätte ich auch meine Frau darum bitten können, mir vorher ein Briefing und während der Zeremonie ein paar hilfreiche Hinweise zu geben. Aber mein Eindruck war, dass sie bereits mit ihrer eigenen, also der Hauptrolle in diesem Stück ausreichend beschäftigt war. Ich, hatte ich sie noch nie zuvor so angespannt, aufgeregt, so in Trance und auch so fern erlebt wie während dieser zweitägigen Zeremonie. Sie war an meiner Seite, aber dabei vor allem mit sich selbst und dem Erfüllen der Erwartungen an sie ausgelastet.

Das Engagement einer Regieassistentin erwies sich an diesem zweiten Tag als besonders hilfreich. Während die Rolle des Brautpaares am ersten Tag angesichts der Mönchszeremonie auf das passiv-zuhörende konzentrierte, waren am zweiten Tag einige „Challenges“ zu absolvieren.

Es begann – erneut in der Früh – mit einer Prozession des Bräutigams – begleitet von einer Hundertschaft der jetzt mehr gewordenen Partygäste – von seinem Haus bis zum Haus der Braut.  Nun wäre der Weg im Original mit rund 9.000 Kilometern ein bisschen weit gewesen, Deshalb wurde alternativ das Haus einer Tante ausgewählt, was für eine Verkürzung der Prozession um rund 8.998 Kilometer sorgte. So viel Spaß, wie die Dorfbevölkerung an dem Umzug jedoch hatte, bin ich mir heute sicher: die wären auch von Deutschland aus gestartet, vorausgesetzt es wäre genug Bier und Reisschnaps als Proviant dabei gewesen.

Dem „Zoch“ voraus marschierten die Kinder und eine kleine Abordnung mit dem symbolischen „Sinsod“, also dem Brautgeld. Dann folgte die tanzende und bierlaunige Gemeinde und schließlich – unter zwei roten Sonnenschirmen – der Bräutigam, allerdings dicht gefolgt von einer mobilen Musikgruppe, die mit E-Gitarre, Schlaginstrumenten, Blasmusik und sonstigen Krachmacher – Verstärkeranlage auf dem Handwagen natürlich inkludiert – die ganze Sause beschallte. Direkt in meinen Gehörgang!

Am Haus der Braut angekommen, musste vom Bräutigam eine Art Eintrittsgeld erstattet werden, bevor er innen die Braut zu Gesicht bekam und nach einer Rede des Ortsbürgermeisters eine vielschichtige und langwierige Zeremonie begann: Zerlegen des gebratenen Weissagungshühnchens, Ahnenopfergaben, Verschnüren des Brautpaares mit dem von den Mönchen am Vortag gefertigten weißen Bindfaden, Goldketten anlegen, gegenseitiges Füttern, Anlegen der gelbgoldenen Glücksbändchen, bis sie sich an den Handgelenken zu unförmigen Wülsten formten… alles unter der bewährten Moderation des gesegneten Dorfschamanen. Dies alles dauerte mindestens vier Stunden und ich war froh, dass sich die Familie für die kurze (!) Hochzeitszeremonie entschieden hatte.

Irgendwann gab es Anzeichen dafür, dass wir die Bühne verlassen konnten. Dafür war ich sehr dankbar, denn ich brauchte dringend eine Zigarettenpause. Ban belehrte mich jedoch eines Besseren: Es handelte sich nämlich nicht um das Ende der Zeremonie, sondern nur um einen Ortswechsel. Eine kleine Abordnung begleitete uns jetzt nämlich zur Segnung und Einweihung des Ehebetts in die erste Etage des Hauses der Braut. Da sich jedoch neben dem Schlafraum ein Balkon befand und auch der Onkel der Braut Teil der Prozession und Raucher war, sah ich meine Chance auf eine kleine Pause gekommen! Bevor sich der Tross nach der Bettgeschichte mich mitbugsierend wieder nach unten in Bewegung setzte, gebot ich Einhalt – mit Verweis auf die auch dem Nebendarsteller tariflich zustehenden Raucherpause. Da ich in Onkel einen Verbündeten wusste, ging der Plan auf. Ban amüsierte sich, meine Frau schaute verdrießlich und die gesamte Delegation verharrte sechs Minuten vor dem Balkon in Wartestellung. Na, geht doch!

An das Ende der Zeremonie schloss sich ein unendlich langes Defilee an, in dem nicht die Gäste zu uns, sondern wir zu den heute prall gefüllten Tischen der Gäste gingen. Smalltalk, Lächeln, Foto. Weiter. Angesichts meines Fauxpas am Vortag machte ich alles tapfer mit bis endlich der offizielle Teil vorbei war, in Zivilkleidung gewechselt wurde und der Alkohol allen in die Tanzbeine wirkte. Und es sehr ausgelassen wurde.

Besonders ausgelassen war übrigens die Stimmung im Backstage-Bereich, wo die Helfer ihren jeweiligen Spezialtätigkeiten bei der Zubereitung der Speisen nachgingen: die Kokosraspler raspelten den ganzen Tag, die Fleischzerteiler ließen die Messer blitzen, die Gemüseschnipplerinnen ebenso, während die „Fritösen“ frittierten. Am lustigsten war´s bei den Spülerinnen. Die spülten nicht nur unaufhörlich das Geschirr, sondern gleichsam fleißig ihre Kehlen mit Mekong-Whisky. Sie hatten offenkundig irren Spaß bei meiner Hochzeit im Isaan. Trotz Arbeit.

Interessant zu beobachten war übrigens, dass das Essen und die Getränke nicht nur zum Verzehr vor Ort bemessen war, sondern peinlich genau darauf geachtet wurde, dass alle Gäste auch noch etwas eingepackt für sich nach Hause mitnahmen. Ich hatte jedenfalls am Ende des Tages den Eindruck, dass alle mit der Party bestens zufrieden waren. Alles nochmal gut gegangen.

Seit diesen Hochzeitstagen sind mehr als zehn Jahre vergangen und wir sind weiterhin verheiratet. Die Jahre nach der Hochzeit hielten für uns tiefe Tiefen und hohe Höhen bereit. Der Feuerzeug-Vorfall oder die verschlafene Hochzeitsfeier waren wahrlich nicht die einzigen und letzten Herausforderungen einer bikulturellen Beziehung. Unterschiedliche Traditionen, unterschiedliche Muttersprache, unterschiedlich geprägte Erwartungen und Erfahrungen und so viele andere Unterschiede können gleichsam den Reiz einer Beziehung ausmachen wie auch eine riesige Herausforderung darstellen.  Das gilt sicherlich für jede Beziehung, aber besonders für die zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Hier kommt es noch mehr darauf an, den anderen verstehen zu können und sich mit dem anderen austauschen zu wollen. Wenn aber das Verstehen wollen und das Austauschen können nicht oder nicht mehr gegeben sind, wird es schwer. Wir haben das, manchmal auch mit schmerzhaften Lernprozessen, zum Glück bis heute hinbekommen.

Aus leicht nachvollziehbaren Gründen sind die meisten der Fotos in diesem Blogbeitrag nicht von mir, sondern von einem thailändischen Hochzeitsfotografen sowie von thailändischen Freunden und Verwandten. Es gelten jedoch die selben im Impressum aufgeführten Copyright-Regeln.

Nachklapp:

Zwei Kurzvideos meines Youtube-Kanals, die zumindest einen kleinen Eindruck des Geschehens vermitteln: