Magic moment, täglich wieder: Ein Sonnenuntergang, der sich in Thailands Isaan an sattgrüne Reisfelder schmiegt oder sich am Himmel über Berlin abzeichnet; einer, der zwischen den Gebirgsläufen Korsikas entlang zieht oder am endlosen Himmel im Flieger entschwindet. Es sind für mich wahrlich erhabene, wunderschöne Augenblicke. Jedes Mal aufs Neue.

Ich gebe zu: ich bin schwerstabhängig! Ich bin Sunset-süchtig.

Die Königsklasse des Sonnenuntergangs ist für mich der im Meer versinkende Feuerball. Am liebsten an den Westküsten Asiens. Von Wärme umgeben. Ohne anschließende Dämmerung. Sunset: The smooth of every day!

Ein Tag in Asien ohne „Sunset“ ist für mich nur ein halber Tag. Mir fehlt dann nicht nur das optische Spektakel rund um den Feuerball, sondern auch diese ganz besondere Atmosphäre in der „orangenen Stunde“.

Am Beach wird es ruhig. Die Ersten sind schon gegangen. Drüben meditiert eine Dreadlock-Frau, ich lasse ein eisgekühltes Leo-Bier ploppen: mein Sunset-Cocktail, mein Meditationsmittel. Die Kraft der Sonne lässt nach, aber ihre Schönheit entfaltet sich noch ein letzte Mal in ganzer Pracht.

Ein letzter Sprung ins Wasser, bevor es dunkel wird. Komm, noch einmal schwimmen!

Startende Fischerboote. Bereit für eine neuerlich schwankende Nacht auf See in Küstennähe.

Vom Tisch drüben dringt der Duft einer ersten Tom Yam Gung zum Dinner-Auftakt.

Spielende Kinder versuchen, noch schnell ihre Sandburg fertig zu bauen, bevor erst die Dunkelheit und später die Wellen ihre Bemühungen vernichten werden.

Ein erster überhungriger Moskito taucht auf, hat aber keine Chance gegen die Meeresbrise.

Ich kämpfe zwischen „den Moment unbeschwert genießen“ und „ein Foto von diesem irren Sonnenuntergang muss ich noch machen“.

Ich entscheide mich für das Geschehen-Lassen und beobachte die asiatischen Selfie-Girls, wie sie sich mit mehr oder weniger Anmut zur untergehenden Sonne positionieren, um sich selbst in Szene zu setzen. Kann mit ihren Handycams mehr herauskommen, als ein Foto mit einem orangenem und einem schwarzen Punkt? Was für eine europäische Frage! Das scheint ihnen nicht wirklich wichtig zu sein: Die Erinnerung zählt. Und die „Likes“: “I was here at Bang Sare Beach!”

Nicht nur am Strand wird die „orangene Stunde“ eingeleitet. Entlang der Straße parallel zum Strand und an tausend anderen im Land werden die Lichter der Shops angeknipst, die Holzkohlefeuer der Essstände entzündet. Die letzten Feldarbeiter kehren zurück und freuen sich auf ihren Feierabendtrunk, egal ob Reisschnaps oder Bier. Die untergehende Sonne lässt Geschäftigkeit entstehen. Der Hitze des Tages entronnen, machen sich die Asiaten auf den Weg zum Einkaufen am Nachtmarkt, zum Klönen bei Nachbars, für ein wenig Business zum Lottoverkaufstand oder herüber zur abendlichen Zeremonie beim Tempelfest auf dem Gelände des örtlichen Wat.

Wenn ich nicht am Strand bin, passiere ich zu Fuß oder mit dem Roller die Szenerie der Straße und genieße die Eindrücke, die Düfte, die Laute, den asiatischen Smoothie zum Ende des Tages.

Und wenn ich beim Sonnenuntergang doch wieder am Strand geblieben bin und dort wieder dieses Hochgefühl in allen meinen Fasern spüre, noch salzig auf der Haut und nicht richtig trocken vom letzten Schwimmgang, die Herbe des Feierabendbieres auf der Zunge spüre, die Arme vor Glück dem Himmel entgegen stecke, dann fühlt sich das Leben endlich wieder unendlich uneingeschränkt lebenswert und leicht an. Es sind genau diese magischen und einzigartigen asiatischen Momente, die meine Seele rühren. Vielleicht suche ich nicht mehr und nicht weniger in diesen Gefilden.

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