Die Sonne war schon hinter Lamais nachgelagerten Hügeln verschwunden, als ich meine Tasche aufs Bett des Hotelzimmers warf, meine Kleider abstreifte, in die Badehose hüpfte und zum Strand eilte. Noch war es hell. Ich sog die Wärme in mich auf. Ich hörte das Meer, sah und spürte es nach wenigen Schritten. Ich sprang hinein, schwamm einige Züge, spürte das Salz auf Haut und Lippen. Die Wärme im und über dem Wasser. Asien, Thailand, Samui: ich war wieder da! Und nach dem ersten Schwimm warf ich mich auf den Sand, besorgte mir von irgendwoher ein kühles Chang Bier, hielt inne – und war tief berührt.

Ja, ich gebe es zu. Als 44jähriger saß ich am Lamai Beach und vergoß einige Tränen der Rührung. Vor Glück, endlich wieder in Südostasien, in Thailand, in Samui sein zu dürfen. Und vor Erschütterung darüber, dass ich mir dieses Gefühl, diese Freude, diese Atmosphäre über 5 Jahre lang versagt habe, weil ich und vielleicht auch andere mich für beruflich unabkömmlich hielten. Nie wieder wollte ich eine so lange Zeit vergehen lassen ohne die Luft, den Duft, die Wärme, das Licht, das Meer Südostasiens genießen zu können. Hier war ich richtig. Hier wollte ich sein. Der Moment zählt, wenn es ein schöner ist.

Ich mag Inseln. Schon immer. Irgendwie. Deshalb hatte es Samui von Anfang an leicht mit mir. Schon nach wenigen Stunden auf der Insel war ich gefangen von diesem Fleckchen Erde. Samui ist wie eine Auslese, wie ein „Best of Thailand“, nur übersichtlicher als auf dem Kontinent. Hervorragend geeignet, sich dem Land in kleinen Schritten zu nähern. Die Insel im Süden des „Gulf of Siam“ war 2006 meine erste Thailand-Destination. Das prägt. Und so fühle ich mich ihr bis heute verbunden. Und kam 2013 erneut nach Samui, als sich zu Beginn meines Aufenthaltes die oben beschriebene Szene am Strand abspielte.

Natürlich waren schon im Jahr 2006 die Hippie-Zeiten auf Samui lange vorbei. Pauschal- und Luxustouristen waren längst angekommen und in der Überzahl. Mit vielleicht nicht ganz so fatalen Begleiterscheinungen wie heute. Aber der Bau und die Eröffnung des sogenannten „Boutique-Flughafens“ 1990 durch die selbsternannte „Boutique-Airline“ Bangkok Airways war Samuis unweigerlicher Durchbruch zu einer Top-Destination für alle geworden. Trotzdem und gerade weil ich die Unterschiede zur reinen Bambushüttenzeit nicht kenne: das Inselchen gefiel mir von Anfang an.

Mit der damaligen LTU flog ich 2006 von Düsseldorf aus via Bangkok nach Samui. Noch am alten Bangkoker Don Muang Airport ankommend galt es, im Laufschritt den Terminal mit Gepäck über die Fußgängerbrücke von „International“ nach „Domestic“ zu wechseln. Angenehme Überraschung: Im Boarding-Bereich von Bangkok Airways war für die Passagiere aller Buchungsklassen ein kleines Buffet mit frisch gepressten Säften, Müsli, Milch und Snacks aufgebaut: Die Boutique-Airline versuchte damals, ihrem Namen alle Ehre zu machen. Der Flug von Bangkok zur Insel ist dann fast nur noch unspektakuläres Beiwerk, zumal er quasi nur aus Start und Landephase besteht.

Am Airport schnappte ich mir beim örtlichen „Budget“-Repräsentanten, der gleichzeitig auch Avis, Hertz und alle sonstige internationalen Autovermietung vertrat, einen kleinen, knuffigen Suzuki Carribean, lud mein Gepäck ein und fädelte mich auf der Inselhauptstraße in den Linksverkehr Richtung Mae Nam Beach ein. Navi gab es natürlich noch keines, eine Straßenkarte hatte ich nicht, aber in Samui ist das nicht so schwer. Denn eben jene Inselstraße führt tatsächlich einmal an der Küste entlang rund um das Eiland. Man kommt also immer dort an, wo man hin will. Entweder nach 20 Minuten oder nach drei Stunden. Ich hatte zum Glück die richtige Fahrtrichtung gewählt.

Ich bin wirklich noch heute froh darüber, Samui als erste Destination in Thailand ausgewählt zu haben. Es folgten in den letzten 13 Jahren noch viele weitere – zwischen der Provinz Surin an der Grenze zu Kambodscha im Nordosten und Phuket tief im Süden, zwischen der Metropole Bangkok und der hügeligen Insel Ko Chang im Südosten. Aber für den leichten Einstieg war das kompakte Samui perfekt. Ich mag den Culture Clash und die gute touristische Infrastruktur. Man hat alles, was von einem Thailand-Urlaub erwartet wird und oft genug sogar in fast fußläufiger Erreichbarkeit. Die Insel und ihre Hotspots sind ein Mikrokosmos, der alles bietet, in dem man sich schnell auskennt und sich seine Lieblingsnischen suchen kann. Dazu kommen wirklich schöne Strände. Meine persönlichen Favoriten sind dabei Lamai und Mae Nam, die mir als passioniertem Schwimmer auch deswegen am besten gefallen, weil man nicht hunderte Meter durch seichtes Meerwasser waten muss, um wenigstens knietief im Wasser zu stehen, sondern gleich reinspringen und loskraulen kann. Egal ob Ebbe oder Flut ist. Beide Strände laden zum kilometerweiten Walking entlang der Wasserlinie ein. Und zumindest 2006 und 2013 waren die Strandabschnitte für Jetskis, Bananenboote und ähnliche akustisch nervenden und für andere Wassernutzer nicht ungefährlichen Vergnügungen begrenzt. Bei den Unterkünften steht die gesamte Bandbreite zur Verfügung, von superbillig bis superexklusiv und alles existiert relativ problemlos nebeneinander.

Es gibt ein Nightlife-Angebot, das für jede und jeden groß genug sein müsste, dessen Schattenseiten aber nicht die ganze Insel und den ganzen Aufenthalt prägen. Neben der thailändischen finden sich alle Küchen dieser Welt von Italien bis Indien auf wenigen Metern. Und dennoch bleibt es – sogar im touristischen Hauptort Chaweng – in der Regel übersichtlich genug, um nicht erschlagen zu werden oder sich verirrt zu fühlen. 

Trotzdem war es für mich 2006 ein Kulturschock, als ich das erste Mal Chawengs Barstraße betrat. Mit dem Carribean war ich in wenigen Minuten vom ruhigen Mae Nam nach Chaweng gefahren, um auch diese Seite Thailands kennenzulernen.
Ich begann meine Expedition an einem kleineren Barkomplex in der Nähe der Green Mango Diskothek und wollte von dort aus zum Reggae Club laufen. Gleich um die Ecke wurde es halbdunkel mit ein paar versteckten Etablissements und Agogo Bars. Aber die prägen hier weder das Bild noch interessierten sie mich besonders. Denn direkt nebenan gab es ein paar coole Bar-Restaurants mit Livemusik oder Fußball auf Großflächen-TV oder beidem. Es war lustig, den Bedienungen zuzuschauen, die sich über ein ManU-Tor freuten statt das frische Singha Bier für den Gast zu servieren. Die Atmosphäre war locker. Ich traute mich weiter voran . Doch nur wenige Meter weiter änderte sich die Szenerie: Ich betrat die Gasse zum Reggae-Club! Kaum war ich in dieser „Soi“, brach es über mich herein wie das Wasser über die Ägypter: Von allen Seiten beschallten mich die Mitarbeiterinnen der offenen Beerbars in einer Lautsärke, die sogar die Musik ihrer Bars übertönte: „Handsome Man.“ „Take a seat“. „Come to me“. „How are you?“ „Where you come from?“

Huch, ich war plötzlich Teil eines Spießrutenlaufs. Ich war perplex. Klar hatte ich mich vorher schlau gemacht. Über diesen Teil von Thailand gelesen. Mir mein Bild zu Recht gelegt. Aber in dieser kleinen, kompakten Strasse war ich nun mittendrin statt und nur dabei. Ausgerechnet hier wurde ich also erstmals mit dem berühmt-berüchtigten Redlight von Thailand konfrontiert, nicht wissend dass diese kleine Soi nur ein harmloser Abklatsch dessen ist, was Mann in Pattaya oder in den Szene-Ecken auf Phuket oder in Bangkok erlebt. Trotzdem hinterließ diese Barstraße einen prägenden Eindruck auf mich. Mit voller Wucht befand ich mich in einem Tunnel von eigentlich nur ein paar hundert Metern. Ich suchte dort irgendwo einen Haltepunkt, einen Ruheplatz, eine Oase, eine Bar ohne kreischende Mädels. Aber: Fehlanzeige. Ergo: Der Reggae Pub hat mich an diesem Abend nicht gesehen, ich drehte um! Ich brauchte jetzt schnell gute, laute Musik mit elektronischen Beats und flüchtete mich auf die Tanzfläche des Green Mango. Endlich Ruhe hier….
Aber diese kleine Straße und die Pendants rund um den Boxring und das Billabong-Areal in Lamai prägen Samui nicht. Und sie sind erst recht nicht Thailand, sondern nur ein kleiner Ausschnitt davon.

Das „reale“ Thailand hat man mit einem Urlaub in Samui trotz Tempeln, Tesco Lotus und Trampeltieren jedoch noch nicht kennengelernt. Samui ist – nicht zuletzt auch wegen seiner wirklich ansprechenden Landschaft – zwar viel zu schade, um nur am Strand zu liegen. Trotz der bescheidenen Größe des Eilandes gibt es immer mal wieder einen Beach oder sonst eine Ecke zu entdecken – zum Innehalten, Sonnenbaden, Abhängen. Und in Samui geht es sicher gemächlicher, ruhiger, entspannter zu als in anderen Destinationen .
Natürlich bekommt man auch einen Einblick in das Leben der Thais, muss sich aber darüber im klaren sein: Auf Samui und seinen beiden Nachbarinsel Ko Phanghan und Ko Tao ist alles auf den Tourismus orientiert. Die Thais leben von den und für die Urlauber. Nur in der kleinen Inselhauptstadt Na Thon spürt man ein wenig vom eigentlichen thailändischen Leben jenseits des Tourismus. Und Samui hat auch seine Schattenseiten: Als ich 2013 nach der Landung das Flughafengelände in Richtung Lamai verließ, passierte ich minutenlang ein Gelände mit riesigen, unansehnlichen Müllbergen mitsamt dort ungeschützt arbeitender oder suchender Thais. Zudem: Die kriminellen Hintergründe des Business in Samui waren zwischenzeitlich mehr als einmal Gegenstand der internationalen Presseberichterstattung. Auch auf einer Trauminsel gibt es eben kein Licht ohne Schatten.

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