Das Rülpsen war gigantisch. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich jemals zuvor jemanden so laut und intensiv habe rülpsen hören. Aber es war eben kein Rülpsen eines Menschen, sondern ein übersinnliches. Denn es war das Zeichen: der Schutzgeist ist in sein Medium gefahren. Und nun ging alles ganz schnell: Der Helfershelfer zog dem Medium eiligst die Tigermaske auf und bugsierte mich vor den Geisterthron. Und in Trance begann der Geist mit einer scharfen Metallspitze seine Schutzlinien zu ziehen: Hah Taew! Fünf Linien.

Es war endgültig Zeit für ein Thai-Tattoo in der Tradition des Sak Yant. Und zwar nicht irgendeines, sondern die sakralen fünf Linien („Hah Taew“) sollten es sein. Als Zeichen meiner persönlichen Verbundenheit mit Thailand. Und natürlich als Schutz vor allem Bösen.

Eigentlich hatte ich das Tätowieren schon für den vorherigen Thailand-Trip geplant, aber bei jenem Aufenthalt hatte ich ständig irgendein Wehwehchen, musste zwischendurch wegen verschiedener Erkältungssymptome Medikamente nehmen und fühlte mich einfach nicht fit. Die Geister waren offenbar noch nicht bereit dazu, meinen Schutz zu übernehmen. Das war diesmal anders. Und da der Urlaub sich dem Ende zuneigte, und mich daher ein frisch gestochenes Tattoo nicht mehr beim Schwimmen, Schwitzen, Duschen oder Sonstigem hindern würde, war der richtige Moment gekommen für mein Hah Taew.

Diese Tattoos aus der „Sak Yant“-Familie sind eigentlich kein aktueller Modetrend wie man es nach ihrer Popularisierung insbesondere durch den Rücken von Angelina Jolie glauben könnte. Vielmehr spielen sie in der buddhistisch-animistischen Glaubenswelt von Laos, Thailand und Kambodscha eine jahrhundertelange, bedeutende Rolle und haben in diesem Kulturkreis eine große Verbreitung. Es handelt sich um eine traditionelle, mystische Symbolik, die dem Träger oder der Trägerin Schutz und Stärke verleihen soll. Gegenüber anderen Menschen, aber auch um sich gegen Übergriffe aus der Welt der Geister zu wehren.

Mein Hah Taew wurde natürlich nicht irgendwo gestochen – vor allem nicht in einem gewöhnlichen Tattoo-Laden – sondern bei eben jenem rülpsenden Medizinmann, der im wahren Leben seriös als Ingenieur arbeitet, verheiratet ist, ein Kind hat und in irgendeiner Reihenhaussiedlung eines Vorortes von Chonburi lebt. Meine thailändischen Freunde und meine Frau hatten ihn als den Richtigen ausgesucht, um mir „Farang“ die fünf Linien zu verpassen.

Als wir ankamen, war der Meister noch auf Arbeit. Wir mussten warten, waren aber zum Glück die Ersten, die zum Medium vorgelassen wurden. Denn im Laufe des Abends stellte sich ein veritabler Andrang von Thais jeglichen Alters und Geschlecht ein, die ebenfalls tätowiert werden wollten, durch einen Segensspruch die Wirksamkeit ihres bereits vorhandenen Tattoos aufzuladen gedachten oder um Rat und Vorhersagen baten.

Das Reihenhäuschen unterscheidet sich übrigens von außen durch die auffällige Figur und den Anbetungsplatz im Vorgarten – dort wo bei anderen Motobikes, Sala, Grill oder Müll stehen. Unten im Haus wohnt der Ingenieur mit seiner kleinen Familie, aber wenn man die Treppe nach oben geht, betritt man das Reich des Tigergeistes, der sich den Ingenieur als sein Medium ausgesucht hat. Figuren aus der animistischen und buddhistischen Geisterwelt zieren den Raum bis zur Decke. Die Buddhas stehen ganz oben in der Reihe. Das beruhigte mich ein wenig, da ich von diesem Setting keineswegs unbeeindruckt war.

Nach dem Rülpser ging alles übrigens ganz schnell. Die fünf Linien werden durch den in Trance befindlichen Ingenieur innerhalb von rund zehn Minuten gezogen. Für mich waren die Linien und Minuten jedoch eine Ewigkeitserfahrung, denn das Tätowieren mit dem Eisenstab tut schon unfassbar weh. Eine Maschine ist zwar auf Dauer auch schmerzhaft-nervig, aber der einzelne Stich ist als solcher dennoch aushaltbar – zumindest am Rücken und wenn er nicht gerade auf die Haut über den Knochen der Wirbelsäule gesetzt wird. Der Eisenstab bereitet dagegen höllische Schmerzen, egal wo. Es waren also krasse zehn Minuten.

Aber so intensiv der Schmerz beim Stechen war, so schnell ist er danach wieder vorbei. Deutlich schneller jedenfalls als bei einem maschinengefertigten Tattoo. Noch leicht benommen, mit nacktem Oberkörper, aber nur mit einem Ziehen, das sich ähnlich wie ein Sonnenbrand anfühlte, setzte ich mich anschließend ans Steuer meines Wagens und bretterte samt Verwandtschaft im Fond rund 100 Kilometer über die Autobahn bis zu unserem Hotel in Samut Prakan, in dem wir die letzte Nacht vor dem Rückflug verbrachten.

Und hatte dabei ein wirklich starkes und gutes Gefühl.

I did it! All done. Let´s go home.

Links zum Thema:

https://www.sueddeutsche.de/stil/tattoo-ritual-in-thailand-spirituelles-stechen-1.3422979

https://www.spiegel.de/reise/fernweh/tattoo-tempel-in-thailand-der-heilige-stich-a-813024.html

https://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/touristen-in-thailand-mit-unsinnigen-tattoos-verhoehnt/story/23164595?fbclid=IwAR0Uqh8vweU_xKHlZ-WbKSoOF_xCIGpjaInl1X2AODF61M8pZ0huu-0fE2Q